W&V, Ausgabe 40, 05.10.2001
   


Aufbruch in die Freiheit

   

TROTZ DES RAUEN GRÜNDERKLIMAS HIERZULANDE WAGEN JAHR FÜR JAHR KREATIVE, PR-PROFIS UND MEDIAPLANER DEN SPRUNG IN DIE SELBSTSTÄNDIGKEIT. IHR HAUPTMOTIV IST DIE UNABHÄNGIGKEIT.

Bijan Peymani

Sicherheit statt Dividende. Das Gros der Berufstätigen hat den alten Werbespruch zum eigenen Lebensmotto erhoben. Die allermeisten würden ihre Festanstellung um keinen Preis gegen die Selbstständigkeit eintauschen - schon gar nicht in Zeiten, die von Rezessionsängsten, sinkender Nachfrage und einem verschärften Wettbewerb geprägt sind.

Auch die Unternehmensentwicklung im ersten Halbjahr 2001 spricht eine deutliche Sprache. Nach einer Creditreform-Erhebung standen in den alten Ländern 350500 Gewerbeneuanmeldungen rund 309600 Löschungen gegenüber. Im Osten war der Saldo mit 64900 zu 67800 Firmen erstmals seit elf Jahren negativ. "Existenzgründer befinden sich längst nicht mehr in einem gründungsfreundlichen Umfeld", bestätigt Michael Dirkes, Vorstandsvorsitzender der Cell Consulting AG in Frankfurt/Main. Noch vor zwei Jahren, so der Unternehmensberater, habe "Hochstimmung" geherrscht, Deutschland sich selbst als "Gründer-Economy" gefeiert.

Die folgende Pleitewelle hat für Ernüchterung gesorgt - und vielen den Mut genommen. Dirkes ist dennoch überzeugt, dass sich das Wagnis Selbstständigkeit lohnt, wenn das Vorhaben nicht nur nach dem eigenen "Bauchgefühl", sondern anhand objektiver Kriterien bewertet werde. Hierzu hat Cell Consulting das Analyse-Tool "Venture Scan" entwickelt (siehe KastenSeite 87).

Was treibt Menschen um, sich trotz mieser Wirtschaftslage, mittelstandsfeindlicher Rahmenbedingungen und enger Märkte mit einem eigenen Projekt selbstständig zu machen? Es sind vor allem die Suche nach neuen Perspektiven und der Wunsch nach mehr Freiheit und Eigenverantwortung, die Kreativität und Energie freisetzen.

[...] Ähnlich argumentiert Stefan Karl, gemeinsam mit Paul Gross Vorstand und kreativer Kopf der vor kaum sechs Monaten in Berlin gegründeten Agentur Shanghai, Berlin. Karl legt Wert darauf, dass "wir keine klassische Werbeagentur sind, sondern ein Network für Kommunikation" mit allen Disziplinen unter einem Dach - garantiert ohne "Wasserköpfe und Miles & More-Jäger".

Sich selbst als Marke verstehen

Gestartet zu zweit mit einem Projektauftrag von General Motors, betreuen Karl und Gross heute mit elf Mitarbeitern (aus sieben Nationen) zehn Kunden, darunter die Condor, DG Medien und den Technologieanbieter Robowatch. "Wichtig ist, sich selbst als Marke zu verstehen und von vornherein alles so stringent zu planen, wie man es eben auch für seine Kunden machen würde", erklärt Karl sein persönliches Erfolgs-Credo und mahnt: "Wer nur ein Sprinter ist, aber nicht die Langstrecke beherrscht, der braucht gar nicht erst zu starten." Wie bei einem Marathon gebe es beim Aufbau einer Agentur "Durststrecken, Krämpfe und Mauern im Kopf", die es zu überwinden gelte. [...] Trotz aller Beschwerlichkeiten, die die Selbstständigkeit mit sich bringt, hat keiner der Befragten daran gedacht aufzugeben, und jeder würde den Start wieder wagen, auch "mit denselben Fehlern", wie Bälz zugibt. Stefan Karl schränkt ein, er würde vorher drei Monate zum Trekken nach Nepal gehen, um "viel frische Luft und Energie zu tanken". Marcus Bruns fände es "noch schöner, beim nächsten Mal eine wirtschaftliche Aufschwungphase zu erwischen, aber die kommt hoffentlich bald wieder".