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TROTZ DES RAUEN GRÜNDERKLIMAS
HIERZULANDE WAGEN JAHR FÜR JAHR KREATIVE,
PR-PROFIS UND MEDIAPLANER DEN SPRUNG IN DIE SELBSTSTÄNDIGKEIT. IHR
HAUPTMOTIV IST DIE UNABHÄNGIGKEIT.
Bijan Peymani
Sicherheit statt Dividende. Das Gros der Berufstätigen hat den alten
Werbespruch zum eigenen Lebensmotto erhoben. Die allermeisten würden
ihre
Festanstellung um keinen Preis gegen die Selbstständigkeit eintauschen
-
schon gar nicht in Zeiten, die von Rezessionsängsten, sinkender Nachfrage
und einem verschärften Wettbewerb geprägt sind.
Auch die Unternehmensentwicklung im ersten Halbjahr 2001 spricht eine
deutliche Sprache. Nach einer Creditreform-Erhebung standen in den alten
Ländern 350500 Gewerbeneuanmeldungen rund 309600 Löschungen
gegenüber. Im Osten war der Saldo mit 64900 zu 67800 Firmen erstmals
seit elf Jahren negativ. "Existenzgründer befinden sich längst
nicht mehr in einem gründungsfreundlichen Umfeld", bestätigt
Michael Dirkes, Vorstandsvorsitzender der Cell Consulting AG in Frankfurt/Main.
Noch vor zwei Jahren, so der Unternehmensberater, habe "Hochstimmung"
geherrscht, Deutschland sich selbst als "Gründer-Economy"
gefeiert.
Die folgende Pleitewelle hat für Ernüchterung gesorgt - und
vielen den Mut genommen. Dirkes ist dennoch überzeugt, dass sich das Wagnis
Selbstständigkeit lohnt, wenn das Vorhaben nicht nur nach dem eigenen
"Bauchgefühl", sondern anhand objektiver Kriterien bewertet
werde. Hierzu hat Cell Consulting das Analyse-Tool "Venture Scan" entwickelt
(siehe KastenSeite 87).
Was treibt Menschen um, sich trotz mieser Wirtschaftslage,
mittelstandsfeindlicher Rahmenbedingungen und enger Märkte mit einem
eigenen Projekt selbstständig zu machen? Es sind vor allem die Suche nach
neuen Perspektiven und der Wunsch nach mehr Freiheit und Eigenverantwortung,
die Kreativität und Energie freisetzen.
[...]
Ähnlich argumentiert Stefan Karl, gemeinsam mit Paul Gross Vorstand
und kreativer Kopf der vor kaum sechs Monaten in Berlin gegründeten Agentur
Shanghai, Berlin. Karl legt Wert darauf, dass "wir keine klassische
Werbeagentur sind, sondern ein Network für Kommunikation" mit
allen Disziplinen unter einem Dach - garantiert ohne "Wasserköpfe
und Miles & More-Jäger".
Sich selbst als Marke verstehen
Gestartet zu zweit mit einem Projektauftrag von General Motors, betreuen
Karl und Gross heute mit elf Mitarbeitern (aus sieben Nationen) zehn Kunden,
darunter die Condor, DG Medien und den Technologieanbieter Robowatch.
"Wichtig ist, sich selbst als Marke zu verstehen und von vornherein
alles so stringent zu planen, wie man es eben auch für seine Kunden machen
würde", erklärt Karl sein persönliches Erfolgs-Credo und mahnt: "Wer
nur ein Sprinter ist, aber nicht die Langstrecke beherrscht, der braucht gar nicht
erst zu starten." Wie bei einem Marathon gebe es beim Aufbau einer Agentur
"Durststrecken, Krämpfe und Mauern im Kopf", die es zu
überwinden gelte.
[...]
Trotz aller Beschwerlichkeiten, die die Selbstständigkeit mit sich bringt,
hat keiner der Befragten daran gedacht aufzugeben, und jeder würde
den Start wieder wagen, auch "mit denselben Fehlern", wie Bälz zugibt.
Stefan Karl schränkt ein, er würde vorher drei Monate zum Trekken nach Nepal
gehen, um "viel frische Luft und Energie zu tanken". Marcus Bruns fände
es "noch schöner, beim nächsten Mal eine wirtschaftliche Aufschwungphase
zu erwischen, aber die kommt hoffentlich bald wieder".
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